Das Buch der Wahrheit | Daz büchli der warheit
Original Middle High German text
Critical edition by Loris Sturlese and Rüdiger Blumrich
Felix Meiner Verlag, Hamburg 1993
Drittes Buch
6. Woran es den Menschen, die in falscher Freiheit leben, fehlt
An einem liehten sunnentage do sazz er eins males ingezogen und verdaht, und in der stilli sins gemütes begegnet ime ein vernúnftiges bilde, daz waz subtil an sinen worten und waz aber ungeübet an sinen werken und waz usbrúchig in flogierender richheit.
Er hüb an und sprach zü im also: Wannen bist du?
Es sprach: Ich kam nie dannen.
Er sprach: Sag mir, waz bist du?
Es sprach: Ich bin niht.
Er sprach: Was wilt du?
Es antwúrte und sprach: Ich wil nút.
Er sprach aber: Dis ist ein wunder. Sag mir, wie heizsest du?
Es sprach: Ich heisse daz namelos wilde.
Der Iunger sprach: Du macht wol heissen daz wilde, wan dinú wort und antwúrte sint gar wilde. Nu sag mir eins, des ich dich frage: Wa lendet din bescheidenheit?
Es sprach: In lediger friheit.
Der Iunger sprach: Sag mir, waz heissest du ein ledig friheit?
Es sprach: Da der mensch nach allem sinem mütwillen lebet sunder anderheit, ane allen anblik in vor und in nach.
Der Iunger sprach: Du bist nút uf dem rehten wege der warheit, wan selichú friheit verwiset den menschen von aller selikeite und entfriet in siner waren friheit. Wan swem underscheides gebristet, dem gebristet ordenunge, und waz ane reht ordenunge ist, daz ist bese und gebreste, als Christus sprach: »Der sunde tüt, der ist ein kneht der súnde«. Aber wer mit einer luteren gewisseni und behütem lebenne inget in Christum mit rehter gelazsenheit sin selbs, der kumet zü der rehten friheit, als er selbe sprach: »Leset úch der sun, so werdent ir warliehen fri«.
Daz wilde sprach: Waz heissest du ordenhaft ald nút ordenhaft?
Der lunger sprach: Ich heis daz ordenhaft, wenn alles daz, daz der sache zügeherlich ist von innen ald von ussen, nut underwegen blibet unangesehen in dem uswurkenne. So heis ich daz unordenhaft, weles under disen vorgenanten underwegen blibet.
Daz wilde sprach: Ein ledigú friheit sol dem allem sament undergan und es alles verahten.
Der Iunger sprach: Dú verrüchtekeit were wider aller warheit und ist dedr valschen ledigen friheite gelich, wan si ist wider die ordenunge, die daz ewig niht in siner berhaftkeit hat gegeben allen dingen.
Daz wild sprach: Der mensche, der in sime ewigen nihte zenihte ist worden, der weis von underscheide nút.
Der Iunger: Daz ewig niht, daz hie und in allen gerehten vernúnften ist gemeinet, daz es niht si nút von sime nútsinde, mer von siner úbertreffender ihtekeit, daz niht ist in im selber aller minste underscheides habende, und von im, als es berhaft ist, kumet aller ordenlicher underscheit aller dingen. Der mensch wirt niemer so gar vernihtet in disem nihte, sinen sinnen blibe dennoch underscheit ir eigennes ursprunges und der vernunft dez selben ir eigen kiesen, wie daz lles in sinem | ersten grunde unangesehen blibet.
Daz wild: Ob man es denne ze male nimet niergen denne in dem selben und us dem selben grunde?
Der Iunger: Der nemi es nit rehte, wan es enist nit allein in dem grunde, es ist och in im selbe ein kreatúrlichs iht hie usse | und blibeet, daz es ist, und nach dem so muz man es och nemen. Were daz ime engienge sin underscheid nach der wesunge als nach der nemunge, so meht es bestan. Und des einst nit, als da vor geseit ist. Hie von sol man alweg haben güten underscheit.
Daz wilde sprach: Ich han vernomen, daz ein hoher meister si gewesen, und daz der absprechi allen underscheit.
Der Iunger sprach: Daz du meinest, daz er allen underscheit ab sprechi: Nimst du daz in der gotheit, daz meht man verstan, daz er meindi der personen eins ieklichen in dem grunde, da sú inne sint ununderscheiden, aber nút gegen dem sú sich widerheblich haltent, und da ist ze haltenne sicherlich persenlich underscheidenheit. Nimest du es och von eins vergangnen menschen entwordenheit, da von ist gnug da vor geseit, wie es ist ze verstenne nach der nemunge, nit nach der wesunge. Und merke hie, daz es ein anders ist underschidunge und underscheidenheit, als kuntlich ist, daz lib und sel hant nit underschidunge, wan eins ist in dem andern und kein lid mag leben, daz usgeschidet ist. Aber underscheiden ist dú sele von dem libe, wan dú sele ist nit der lib noch der lib dú sele. Also verstan ich, daz in der warheit nút ist, daz underschidunge muge han von deme einveltigen wesenne, wan es allen wesenne wesen git, aber nach underscheidenheit, also daz daz getlich wesen nit ist des steines wesen noch des steines wesen daz getlich wesen, noch kein kreature der andern. Und also meinent | die lerer, daz disú underscheidenheit eigenlich ze sprechenne nit si in gotte, mer si ist von gotte. Und sprichet úber der wisheit büch: Als nút einigers ist denn got, also ist nút underscheideners. Und darumbe so ist dú hellunge valsch und disú meinunge gereht.
Daz wilde sprach: Der selb meister hat vil schone geseit von eime kristmessigen menschen.
Der Iunger sprach: Der meister sprichet an einer stat also: »Christus ist der eingebome sun und wir nit«. »Er ist der naturlich sun, wan sin gehurt zilet in der natur«, aber wir sien nit der naturlich sun, und únser geberunge heisset »ein widergeburt, wan si zilet in einfermikeit siner nature. Er ist ein bilde des vatters, wir sien gebildet nach dem bilde der heiligen drivaltikeit«. Und sprichet, daz ime hierinne nieman kan gelich gemessen.
Daz wild sprach: Ich han vernomen, er sprechi, ein selicher mensch wúrke alles, daz Christus wurkte.
Der Iunger entwúrt: Der selbe meister sprichet an einer stat also: »Der gerechte wúrket alles, daz dú gerehtikeit wúrket«. Und daz ist war, sprichet er, da der gereht eingeborn ist von der gerehtikeit, als geschriben stat. »Daz von fleische geborn ist, daz ist fleisch, und daz geborn ist von geiste, daz ist geist«. Und daz ist allein war, sprichet er, in Christo und an keinem andern menschen, wan er hat nit wesen denne daz wesen des vatters, noch geberer denne den himelschen vatter. Und darumbe wurkte er alles, daz der vatter wurket. Aber in allen andren menschen, sprichet er, so velet dis, daz wir minr und me mit im wúrken nah dem, als wir minr und me von im sien geborn. Und disú rede bewiset dich eigenlichen der warheit.
Daz wilde sprach: Sin rede lúhtet, daz alles, daz Christo si gegeben, daz si och mir gegeben.
Der Iunger: Daz al, daz Christo ist gegeben, daz ist volkomnú besitzunge der weslichen selikeit, als er sprach: »Omnia dedit michi pater. Der vatter hat mir al gegeben«. Und daz selb al hat er úns allen gegeben, aber in unglicher wise. Und er sprichet an vil stetten, daz er daz al hat mit der infleischunge und wir mit der gotfermigen vereinunge. Und darumbe hat er daz so vil adellicher, so vil er sin adellicher enphenklich waz.
Daz wilde zoh aber fúr und meinde, daz er absprechi alle glicheit und vereinunge und daz er úns sazti bloz und entglichet in die blozsen einikeit.
Der Iunger antwúrt und sprach: Dir gebristet ane zwivel, daz dir nit lúhtet der underscheit, von dem da vor geseit ist, wie ein mensche ein súlle werden in Christo und doch gesúnder bliben, und wa er vereinet ist und sich unvereinet eins nemende ist. Weslich lieht hat dir noch nit gelúhtet, wan weslich lieht lidet ordenunge und underscheit, entwiset von usbrúchiger manigvaltikeit. Din scharphes gemerke richset mit gunlichi dez liehtes der nature in behender vernúnftikeit, daz da vil glich lúhtet dem liehte der gotlichen wahreit.
Daz wilde gesweig und bat in mit ergebenlicher undertenikeit, daz er fúrbaz rurti den nútzen underscheit.
Er antwúrte und sprach also: Der meiste gebreste, der dich und ine glichen entsetzet, der lit dar an, daz úch gebristet gutes underscheides vernúnftiger warheit. Und darumbe we sin nehstes welle ervolgen und nút in dise gebresten vallen, der sol diser togenlicher lere flizsig wesen, so kumet er ungehindert zu eime selige lebenne.


